Die „Hölle des Nordens“ fest in deutscher Hand! Debutant Albert Richter entreißt Didi Thurau im Zielsprint noch den sicher geglaubten Sieg.

Paris-Roubaix – ein Monument des Radsports und wahrscheinlich das schwerste Eintagesrennen überhaupt. Allen war klar, was sie erwarten würde: harte Kopfsteinpflasterpassagen mit permanenter Sturzgefahr – und manch einer bekam schon vor dem Start weiche Knie und trat gar nicht erst an: Elias Guimard zog die Meldung seines RENAULT-Teams um Ex-Weltmeister Rudi Altig erst wenige Stunden vor Rennstart zurück. Und es wurde das erwartet brutale Rennen. Nach einem relativ ruhigen Auftakt bei allerdings großer Kälte hielten sich alle Fahrer noch bedeckt, riskierten wenig und überstanden die erste Kopfsteinpflasterabschnitte sturzfrei. Team ZIPP-KELME setzte einmal mehr vom Start weg die Akzente: mit kleinen Attacken und Tempoverschärfungen versuchte man, das Feld von vorne zu kontrollieren und das Tempo hochzuhalten. Dann schlug zunächst das Wetter plötzlich um und es wurde schwülwarm. Ausgerechnet den frischgebackenen Weltmeister Lauro Grazioli* erwischt das Sturzpech dann als ersten. Auf dem harten Kopfsteinpflaster ist er zu langsam unterwegs und verliert das Gleichgewicht. Dieser Sturz sollte nicht sein letzter bleiben. Am Ende kommt er mit einem Rückstand von monumentalen 7’50 auf den Tagessieger ins Ziel und seine blauen Flecken und rot blutenden Schürfwunden bilden eine reizvolle Ergänzung zu den Regenbogenfarben seines WM-Trikots. Im berüchtigten secteur pavé, dem „Wald von Arenberg“ nach einem guten Drittel des Rennens überschlagen sich dann die Ereignisse – im wahrsten Sinne des Wortes: den ZIPP-KELME-Kapitän und GIRO-Sieger Miguel Indurain erwischte es als ersten. Nachdem er sich kurz zuvor schon einem Drängelversuch von K.P.Thaler erwehren musste, gerät er etwas später im Kampf um die besten Positionen auf dem engen Kopfsteinpflasterabschnitt in ein Gedränge mit zwei weiteren Radlern – verliert die Kontrolle über sein Fahrgerät und stürzt. Kurz hinter ihm versucht sein Helfer, der neu verpflichtete Thor Hushovd seinem Kapitän zu Hilfe zu eilen – stürzt jedoch in der Aufregung selbst. Indurain – offenbar unverletzt - versucht sich schnell wieder aufzurappeln. Beim Versuch, auf dem Kopfsteinpflaster wieder in Schwung zu kommen, rutscht er jedoch unglücklich von der Pedale ab und stürzt direkt ein weiteres Mal. Der Super-GAU für Team ZIPP-KELME, dessen Renntaktik traditionell auf den Teamzusammenhalt aufbaut. Nun war Rouleur Didi Thurau vorne allein auf sich gestellt. Andrea Pirlo’s Laune im Teamwagen ist angesichts dieser dramatischen Szenen nicht die beste – doch nach außen demonstriert er Ruhe und Zuversicht. Und tatsächlich schafft Indurain im Stile eines wahren Champions schon bald wieder den Anschluss an das Hauptfeld. Dort hat sich nun EUSKALTEL mit dem jungen Sprintertalent Albert Richter und Rouleur David Etxebarria an die Spitze gesetzt. Aber auch bei EUSKALTEL läuft es nicht ganz problemlos. Immer wieder scheint es zu Kommunikationsproblemen zwischen Radlern und Teamleitung zu kommen. Nikolai Ketxup-Mayo fordert seine Radler immer wieder auf, aus dem Windschatten zu attackieren oder Attacken durch Aufwendung zusätzlicher Energiereserven zu optimieren – muss dann aber zähneknirschend mitansehen, wie die Rennleitung diese Aktionen zurückpfeifft – weil nicht mehr regelkonform. Die Nerven liegen zunehmend blank im Teamwagen der Basken. Die Altmeisterteams PEUGEOT und BIANCHI haben solcherlei Reibungsverluste nicht. Sie halten ihre Radler in aussichtsreichen Positionen vorne dabei, und arbeiten das eine oder andere Mal gut im Zug zusammen, um kurzfristig entstandene Löcher zur Spitze wieder zuzufahren. Keinem gelingt es, sich dauerhaft vom Feld abzusetzen. Im letzten längeren Kopfsteinpflasterabschnitt vor der Einfahrt in das Velodrom von Roubaix bewegen sich dann auch die Teamkapitäne nach vorne: Indurain (ZIPP-KELME), Thévenet (PEUGEOT) und Wolfshohl (BIANCHI). Die erwartungsvolle Spannung vor dem entscheidenen letzten Rennabschnitt steigt immer weiter an. Was haben die Akteure noch im Köcher, welche Energiereserven können nach dem kräftezehrenden Ritt über die Kopfsteine noch mobilisiert werden? Während sich Didi Thurau und Jens Voigt mit einem scharfen Antritt zunächst von Etxebarria und Richter absetzen können, versuchen Indurain und Thévenet Kopf an Kopf liegend nachzusetzen. Beide rangeln um die Positionen – und Indurain verliert erneut die Kontrolle über sein Rad. Irritiert vom Sturz des Konkurrenten reißt es auch Bernard Thévenet nieder. Das Aus für alle Hoffnungen auf den Tagessieg. Andrea Pirlo versteht die Welt nicht mehr – „Soviel Glück wir beim GIRO hatten, soviel Pech haben wir heute!“ klagt er über Funk. Der Anblick der gestürzten Konkurrenten scheint auch Rolf Wolfshohl vorsichtig zu machen. Er nimmt das Tempo raus, und zieht es vor, die letzten Kilometer zu Trainingszwecken zu nutzen und Energie zu sammeln. Stattdessen geht sein Teamkollege K.-P. Thaler aber nun „all-in“ und versucht, noch einmal zur Führungsgruppe aufzuschließen. Jens Voigt eröffnet den Sprint mit seiner Attacke – aber er fährt dabei nicht Ideallinie und verschenkt einige Meter. Dies nutzt Didi Thurau aus: mit einem bärenstarken Antritt überholt er Voigt locker und hat nun die Zielgerade vor sich und niemanden mehr hinter sich – so denkt er zumindest. Im Teamwagen von ZIPP-KELME wird gejubelt und man hört bereits einen Sektkorken knallen. Thurau nimmt schon Tempo raus, zieht den Reisverschluss seines Trikots hoch und präsentiert das Logo des neuen Sponsors „ZIPP“ lachend und jubelnd. Aber der blonde Engel übersieht, dass im Windschatten seines Kollegen Etxebarria inzwischen in rasender Geschwindigkeit der Debutant von EUSKALTEL, der junge Albert Richter angerast kommt. Die beiden EUSKALTEL-Fahrer schließen die Lücke zu Thurau und im folgenden Zielsprint hat der Sprinter Albert Richter keine Mühe, sich locker durchzusetzen. Auch Thaler und Voigt haben keine Chance gegen die enorme Endschnelligkeit des Rheinländers. Konsternierte Gesichter und tiefe Enttäuschung bei ZIPP-KELME, denen zum zweiten mal hintereinander ein schon sicher geglaubter Sieg auf den letzten Zentimetern von einem Sprinter entrissen wurde.

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