JENS VOIGT TRIUMPHIERT UNTER'M TRIUMPHBOGEN

WOLFSHOHL HADERT MIT RENNLEITUNG, WETTER UND WERNER-TV

Torsten Maferro (BIANCHI) hatte alles akribisch geplant, der Matchplan für den Toursieg stand. Auf ganze 25 Sekunden war der Vorsprung seines Kapitäns ROLF WOLFSHOHL zwar zusammengeschmolzen, nachdem sein ärgster Konkurrent JENS VOIGT auf der vorletzten Etappe triumphiert hatte, aber dieses minimale Polster wollten die Teutonen im Dienste des italienischen Rennstalls BIANCHI auf dem Rundkurs über die Champs-Elysées mit Klauen und Zähnen verteidigen.

Aber auch die besten Pläne werden manchmal durchkreuzt - durch Dinge, an die man vorher  einfach nicht gedacht hat. In diesem Falle waren es drei ganz unterschiedliche Faktoren, die Maferros Plan in's Wanken brachten: die Rennleitung, das Wetter und WERNER-TV.

 

 

RENNLEITUNG REDUZIERT RADLERANZAHL

Erster Faktor: die Rennleitung entschied kurz vor Rennbeginn, dass alle Teams auf drei Radler reduziert werden müssen. Damit trug sie einem Antrag Torsten Maferros Rechnung, der sich gewünscht hatte, dass das Rennen spätestens um 23:00 Uhr beendet sein solle. Bianchis Matchplan ging aber noch davon aus, dass ROLF WOLFSHOHL alle drei Helfer im Team bei sich haben würde. Nun blieben nur noch zwei übrig: Rik van Loy und Klaus-Peter Thaler. Wie sich bald zeigte, hatte letzterer den Auftrag zu verhindern, dass sich Jens Voigt bei den zwei anstehenden Sprintwertungen des Tages die Zeitgutschriften von jeweils 5 Sekunden holt...

 

THALER SCHNAPPT VOIGT DEN SPRINTBONUS WEG

Rouleur THALER, seit den frühesten Tagen treuer Weggefährte und Gehilfe seines Kapitäns WOLFSHOHL, erfüllte den Auftrag und schnappte Voigt in der ersten Sprintwertung des Tages die Zeitgutschrift von 5 Sekunden weg, die im Kampf um den Gesamtsieg am Ende vielleicht hätte entscheidend werden können. Schennie Körper, sportlicher Leiter von PEUGEOT verriet jedoch nach dem Rennen: "Die Sprintboni hatten wir gar nicht auf dem Schirm! Wir wollten es von Anfang an über den Etappensieg lösen. Wir wussten, dass wir auf den Moment warten müssen, in dem Rolf eine Schwäche zeigt!" Voigt ließ sich also nicht dazu hinreissen, für den Sprintsieg zu viel zu investieren. Vor allem ging es ihm darum, nicht den Kontakt zu seinem am heutigen Tage wichtigsten Helfer zu verlieren: Bernard Thévenet, seines Zeichens ehemaliger TOUR-Sieger, aber nun im Herbst seiner Karriere in seinem vorerst letzten Rennen für die Schachbrettgemusterten als nomineller Kapitän.

 

 

 

KNETEMANN AUF ABWEGEN

Der zweite Faktor, der BIANCHIS Matchplan torpedierte, war das taktische Verhalten des Teams WERNER-TV. Bergziege JULIO JIMÉNEZ war nach den durchwachsenen Darbietungen von JOOP ZOETEMELK, der einzig verbliebene Anwärter auf's Podium. 1'50 betrug jedoch sein Rückstand auf WOLFSHOHL - auf dem flachen Rundkurs um den Eifelturm ohne eine einzige Bergwertung kaum noch aufholbar. Wie teamdirektor WERNER POST später zugab, hatte er seinem Team folglich auch keinerlei Order auferlegt. Jeder durfte fahren, wie er wollte (oder konnte) - in der Hoffnung, vielleicht noch einen Etappensieg landen zu können.  Nur so ist es wohl zu erklären, dass WERNER-Rouleur GERRIE KNETEMANN im Laufe der Tempoverschärfung vor der Sprintwertung mit nach vorne sprang, statt bei seinem Teamkollegen JIMENEZ zu bleiben. Nach dem Sprint mit THALER, VOIGT und THEVENET  tat sich plötzlich eine Lücke zum Hauptfeld auf - und Knetemann verständigte sich nun mit  VOIGT und THEVENET einen Zug zu bilden,  das Tempo hoch zu halten und sich weiter abzusetzen...

 

SCHENNIE KÖRPER WITTERT SEINE CHANCE

Schennie Körper, der Teamchef von PEUGEOT ahnte vermutliche, dass dies vielleicht das Momentum sein könnte, auf welches er für dieses Rennen gehofft hatte. Sein Mann VOIGT in der Ausreissergruppe vorn, mit einem starken Teamkollegen an der Seite - und das Gelbe Trikot im Hauptfeld eingekeilt und offenbar nicht in der Lage, die Lücke sofort wieder zu schließen. THÉVENET stellte sich in seinem letzten Rennen für PEUGEOT aufopferungsvoll in den Dienst der Sache, reichte VOIGT immer wieder Energiechips an und fuhr im Wind vorneweg, damit der Teamkollege seine Kräfte schonen konnte. Die taktische Marschroute für PEUGEOT war nun klar: den Abstand (der sich von zunächst 50 Sekunden dann auf 20-30 Sekunden einpendelte) halten und VOIGT dabei im Windschatten ausruhen lassen. Lediglich Peugeots Sprinter Jürgen TSCHAN hielt sich in der ersten Hälfte des Rennens auffällig unauffällig am Ende des Pelotons auf. Aber auch sein großer Augenblick sollte noch kommen...

WOLFSHOHL KÄMPFT GEGEN WETTER UND WERNER

Während die Gruppe um Jens VOIGT vorne weiter Tempo macht, erkennen WOLFSHOHL und JIMÈNEZ den Ernst der Lage und machen sich an die Verfolgung. Doch sie machen dabei keineswegs gemeinsame Sache (auch wenn das Foto links diesen Eindruck nahe legen mag). Eher belauert man sich gegenseitig und  zudem hat sich die zu Beginn des Rennes herschende drückende Schwüle inzwischen in einem Wolkenbruch entladen und die glitschig-nasse Straße birgt die Gefahr von Stürzen für jene, die ein allzu forsches Tempo anschlagen...

 

MAFERRO IM ALARMZUSTAND: ALLES ODER NICHTS!

Torsten Maferro hatte längst erkannt, dass der fest anvisierte Toursieg drohte, im Regen von Paris davon gespült zu werden. Sollte am Ende ein Sturz über den Ausgang der Tour entscheiden? Aber WOLFSHOHL konnte sich kein taktieren mehr erlauben. Er musste nun auf sein Glück und seine in zahlreichen Querfeldeinrennen bewiesene Regenfestigkeit vertrauen und alles geben, was er zu geben hatte. Sein Kollege THALER sprintete auftragsgemäß auch um die zweite Sprintbonifikation mit - musste sich allerdings KNETEMANN geschlagen geben. Egal - Hauptsache VOIGT geht leer aus, dachte sich TORSTEN MAFERRO und war zu diesem Zeitpunkt sicherlich noch nicht gewillt, den Kampf um das Gelbe Trikot aufzugeben.

 

 

 

DAS FINALE

In der 13. Runde schließlich schaffte es WOLFSHOHL doch noch, zur Spitzengruppe aufzuschließen. Mit letzter Kraft hängte er sich an's Hinterrad von Remi CAVAGNA*, der wieder einmal ein starkes Rennen für das doofe Team LA VIE CLAIRE fuhr und ebenfalls Teil der Ausreißergruppe war. In dieser begann Bernard THÉVENET nun zu schwächeln. Doch als dem alten Franzosen die Puste ausging, hatte der andere PEUGEOT-Helfer sich ebenfalls in die Ausreißergruppe vorgekämpft: JÜRGEN TSCHAN, der sich lange im Peloton versteckt hatte, gab VOIGT in der vorletzten Runde nun noch einmal Windschatten - aus dem heraus dieser dann zur vorentscheidenen Attacke ansetzte.  Torsten Maferro musste mit zunehmend resignierter Miene mitansehen, wie sein Kapitän Wolfshohl zwar nachsetze, aber den Abstand zu VOIGT nicht mehr verkürzen konnte...

Mit 30 Sekunden Vorsprung im Ziel

30 Sekunden waren es schließlich, die JENS VOIGT vor dem Träger des Gelben Trikots in's Ziel unter dem Arc de Triomphe rettete. Das reichte, um WOLFSHOHL das Trikot und damit den Toursieg doch noch zu entreissen.  LAURENT FIGNON schaffte es im Zielsprint noch, Remi CAVAGNA* zu überholen. Damit holte er für das ambitionierte, aber an diesem Tage glücklose und etwas derrangiert wirkende Nachwuchsteam LA REDOUTE einmal mehr eine Podiumsplatzierung heraus. LEA RADOUTKE zeigte sich damit am Ende halbwegs versöhnt und erklärte, dass sie aus jeder Niederlage und jedem taktischen Fehler nur lerne und den Ansporn ziehe, es im nächsten Rennen besser zu machen. Mit dieser Einstellung wird man in der neuen Saison noch viel von der jungen sportlichen Directrice erwarten dürfen!

BIANCHI und Torsten MAFERRO erlebten dagegen einen der bittersten Abende in der Teamhistorie. So nah war man dem zweiten TOURSIEG - und so knapp hatte man ihn am Ende verloren: ganze 15 Sekunden trennten Wolfshohl in der Endabrechnung vom neuen TOURSIEGER: JENS VOIGT!

 

PEUGEOT IM GLÜCKSTAUMEL

Freude pur herrschte natürlich bei SCHENNIE KÖRPER nach dem gelungenen Coup und dem zweiten TOURSIEG für PEUGEOT in der Geschichte des RADSPORTSPIELS. JENS VOIGT ist damit nun der erfolgreichste (und wertvollste) Fahrer in der BIKE-RACE-Historie.

Einziger Wermutstropfen im französisch-deutschen Glückstaumel: Jürgen TSCHAN stürzte im Zielsprint auf regennnassem Asphalt und verlor dadurch seine Weltcuppunkte. Durch diesen Ausfall rückten die nachfolgenden Radler einen Platz auf. Davon profitierte auch JOOP ZOETEMELK, der nun einen Weltcuppunkt mehr ergatterte - und sich dadurch den Gesamtsieg im Weltcup 2021/22 mit 100 Punkten - und eben diesem einen Punkt mehr - vor JENS VOIGT (99 Punkte) sicherte.